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Evangelische Kirche Pressburg

Im alten Preßburg hat sich hinter den Stadtmauern rund um den als Nonnenbahn (slow. Panenská) bekannten Straßenzug das sog. Evangelische Viertel mit zwei Kirchen, einem Lyzeum und dem evangelischen Friedhof am Gaistor (slow. Cintorín pri Kozej bráne) entwickelt.

Geschichte

Am 17. April 1606 wurde an das Magistrat der Stadt Preßburg ein Antrag auf Zulassung eines evangelischen Predigers gestellt. Der Antrag wurde abgelehnt. Im Juli 1606 bat das Preßburger Magistrat selbst den Grafen von Kollonich um Hilfe bei der Errichtung einer evangelischen Gemeinde. Am 2. Oktober 1606 wurde Andreas Reuß, der zuvor als evangelischer Prediger im Nachbarort Ratzersdorf (Rača) tätig war und aus der Stadt Querfurt (im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt) stammte, als erster evangelischer Prediger in Preßburg einberufen. Am 21. Dezember 1638 wurde unter Josua Wegelin die erste evangelische Kirche der Stadt direkt neben dem Rathaus erbaut. Bereits 1672 hat die evangelische Gemeinde nach Kämpfen diese erste evangelische Kirche verloren, sie wurde dann im Januar 1673 dem Jesuitenorden übergeben. Die starke Gegenreformationswelle wurde durch die Beschlüsse des ungarischen Landtags in Ödenburg (Sopron) abgemildert. Pro Komitat bzw. königliche Freistadt durften die Protestanten je zwei Kirchen aus Holz außerhalb der Stadtmauern besitzen. Erst nach 1770, besonders nach dem Toleranzpatent Joseph II., hat sich die Lage deutlich verbessert.

In Preßburg wurde nach der Beschlagnahmung der ersten Kirche außerhalb der Stadtmauern in der Nonnenbahn zunächst eine hölzerne Kirche erbaut, die wegen Baufälligkeit 1774-1776 durch ein gemauertes klassizistisches Werk nach den Plänen des Baumeisters Matthäus Walch für 5.000 Gläubige ersetzt wurde.

Neben der großen Deutschen evangelischen Gemeinde gab es in Preßburg auch die deutlich kleinere slavische bzw. slavisch-ungarische Gemeinde, deren erster Kirchenbau noch in der Innenstadt in der Zeit der Gegenreformation dem Ursulinenorden übergeben worden ist. Ihre neue Kirche wurde 1777 genau an der Stelle der abgerissenen deutschen Holzkirche erbaut. Bis heute nennt man die 1776 und bis 1945 deutsche Kirche groß und jene von 1777 klein.

Zu den bekanntesten Predigern der Deutschen ev. Kirchengemeinde gehörte seit 1719 der Gelehrte Matthias Bel (1684-1749). Dieser hat bei Francke in Halle studiert und kam bereits 1714 nach Preßburg und wurde Rektor des evangelischen Lyzeums. Diese auch für die Entwicklung der slowakischen Nation prägende Institution bestand so wie die evangelische Kirchengemeinde selbst bereits seit 1606.

Nach der Gründung der Tschechoslowakei 1918 wurde die bis dahin bestehende Ungarländische Evangelische Kirche A.B. aufgelöst und durch die Evangelische Kirche A. B. in der Slowakei ersetzt, der die deutschsprachige Kirchengemeinde nicht angehören wollte. Ihr Beitritt zur Deutschen Evangelischen Kirche Böhmens, Mährens und Schlesiens wurde nicht genehmigt. Im Dezember 1923 wurde das Deutsche Seniorat Preßburg innerhalb der Evangelischen Kirche A. B. in der Slowakei gegründet, dem die deutschen Gemeinden Preßburgs und der Umgebung angehörten. 1939 wurde die Deutsche Evangelische Kirche A.B. in der Slowakei gegründet, die im Frühjahr 1945 nach der Befreiung Bratislavas durch die Rote Armee 1939 aufgelöst wurde. Deutsche Gottesdienste wurden erst 1949 wieder zugelassen, die nun in der sog. kleinen Kirche bis ca. 1984 abgehalten wurden. Aktuell gibt es deutsche Gottesdienste jeden Sonntag um 9 Uhr in der kleinen Kirche.

Varia

Im Innenraum der sog. großen Kirche findet man bis heute besonders viele Spuren deutschen Lebens in Preßburg. Hier eine kleine Auswahl an entsprechenden Bildern:

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Im Dezember 2019 berichtete Jürgen Rendl von der deutschsprachigen Redaktion des Auslandssenders Radio Slowakei International über das Next Musikfestival und ein außergewöhnliches Konzert in der großen evangelischen Kirche: Experimentelle Musik-Leckerbissen an ungewöhnlichen Orten.

Im Januar 2025 hat Jana Hrbeková von der deutschsprachigen Redaktion des Auslandssenders Radio Slowakei International einen Beitrag über eine Ausstellung im Alten Lyzeum vorbereitet: Aus der Schule ins Konzentrationslager: Projekt „Leerer Stuhl“ erinnert an Opfer des Holocausts.

Auszüge aus historischen Presseveröffentlichungen

Am 0.12.1776 berichtete die Preßburger Zeitung über die Einweihung der neuen evangelischen Kirche (difmoe.eu): An eben diesem Tage als jüngstvergangenen Adventssonntage hielt die allhiesige evangelisch-deutsche Gemeinde in ihrem neuen Bethause ihren ersten Gottesdienst. Den Bau desselben haben Ihre k. k. Apostolische Majestät Maria Theresia aus landesmütterlicher Huld schon im Jahre 1774 allergnädigst bewilliget, weil das alt, dessen sie sich seit 1682 bedienten, zu klein, baufällig u. täglich mehr Lebensgefahr zu bedrohen schien. (…) Johann Ribiny hielt als erster Prediger am Einweihungstage über Psalm 93, 5 vor einer großen Menge herbeygekommener Zuhörer die Hauptpredigt, und dankte beym Schlusse derselben den k. k. Majestäten als den allerhöchsten Wohltätern… (…) Herr Johann Thomásy Chordirektor., deßen musikalische Verdienste schon lange bekandt und entschieden sind, wußte die gottesdienstliche Andacht durch eine außerordentlich angenehme und liebliche Musik recht erwecklich zu machen. In diesem Bericht wird auch das Altarblatt aus der Hand des in Preßburg geborenen und mittlerweile in Leipzig wirkenden Malers Adam Friedreich Oeser erwähnt.

Am 30.11.1777 wurde die sog. kleine Kirche eingeweiht, worüber die Preßbuger Zeitung in der Ausgabe vom 6.12.1777 berichtete (difmoe.eu): Am ersten AdventsSonntage hielten allhier die Evangelischen der Ungrisch-Böhmischen Nation ihren ersten Gottesdienst in ihrem neuen Bethhause. Vormittag war die Andacht Ungrisch. Der hochw. Herr Michael v. Torkosch Superintendent in dem disseitigen Bezirk der Donau stimmte dabey das Komm heiliger Geist an, verrichtete die Vorlesung vorm Altare und ertheilte den Segen. (…) Die Nachmittagspredigt hielt in böhmischer Sprache der Wohlerw. Herr Niklas Jahn Prediger in Modern unter dem Vortrage: die Vorzüglichkeit der Häuser Gottes des Neuen Testaments vor jenen im Alten Testamente.Unter den auffallenden Zierden dieses Hauses befindet sich ein wohlgeratenes Altarblatt, welches in einen Cricifix bestehet. Es ist solches durch den geschickten Pinsel des Herrn Gutmanns eines gebornen Preßburgers verfertiget worden, und erhölt von allen Kennern, die es sehen, Beyfall.